«Tückisch ist, dass die Symptome einer Sepsis so vielfältig sind»

Weltweit sterben jährlich rund 3 Millionen Kinder an Sepsis. Luregn Schlapbach, Chefarzt und Leiter der Intensivstation am Kispi Zürich, setzt sich für eine bessere Früherkennung ein.

, 13. September 2024 um 05:26
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«Eine Früherkennung ist häufig möglich. Dazu braucht es jedoch deutlich mehr Sensibilisierung»: Luregn Schlapbach  |  Bild: zvg
Herr Schlapbach, als Intensivmediziner behandeln Sie viele Kinder mit Sepsis. Wie präsentieren sich diese Kinder typischerweise bei ihrer Aufnahme auf der Intensivstation?
Der Zustand der Kinder kann sehr unterschiedlich sein, aber in allen Fällen ist die Infektion so schwerwiegend, dass sie zu einem Versagen einzelner oder mehrerer Organe führen kann. Am häufigsten betroffen sind das Herz-Kreislauf-System, die Atmungsorgane, und das Nervensystem. Was macht die Diagnose einer Sepsis so schwierig?
Viele Sepsis-Fälle präsentieren sich zunächst harmlos – das Kind hatte zum Beispiel eine milde virale Infektion mit Fieber. Oft berichten die Eltern, dass sich dann etwas ändert: Das Kind verhält sich anders, ist apathisch, es hat kalte Haut, eine schwere Atmung; oder es ist sehr blass. Das sind Zeichen, dass die Infektion so schwer wird, dass lebenswichtige Organe betroffen werden. Tückisch ist eben, dass die Symptome einer Sepsis vielfältig sind. So verstreicht oft viel wertvolle Zeit, weil die Eltern oder Hausärzte, verständlicherweise nicht sofort an eine Sepsis denken. Das ist auch auf Notfallstationen eine grosse Herausforderung.
«Es verstreicht oft viel wertvolle Zeit, weil die Eltern oder Hausärzte, verständlicherweise nicht sofort an eine Sepsis denken.»
Eltern von an Sepsis erkrankter Kinder berichten häufig, dass sie wiederholt vom Arzt oder Spital nach Hause geschickt wurden – bis es denn fast zu spät war. Wie lässt sich eine bessere Früherkennung erreichen?
Eine Früherkennung ist häufig möglich, wenn auch nicht immer. Dazu braucht es aber beim Gesundheitspersonal, in der Bevölkerung und bei den Eltern deutlich mehr Sensibilisierung; um den Moment zu erkennen, wann aus einer Infektion – bakteriell oder viral – ein lebensbedrohender Zustand wird. Die meisten Eltern haben nie von Sepsis gehört oder wissen nicht genau, worum es sich handelt. Das müssen wir ändern.
Wie sieht es diesbezüglich in anderen Ländern aus?
Erfahrungen aus anderen Gesundheitssystemen zeigen, dass systematische Schulung und Abläufe mithelfen können, die Erkennung und Therapie zu verbessern. Deshalb sind wir auch in engem Kontakt mit Sepsiskampagnen in Deutschland, Schweden, Belgien, England, und Australien. Es ist wichtig, dass wir von der Erfahrung dieser Länder profitieren, und uns überlegen, was sich wie auf unsere Verhältnisse hier anpassen liesse. Zugleich liegt unser Augenmerk auch darauf, Patienten ohne Sepsis nicht unnötig mit Antibiotika zu behandeln.
Luregn Schlapbach ist seit 2020 Chefarzt und Leiter der Intensivstation am Universitäts-Kinderspital Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf der frühzeitigen Diagnose von Sepsis bei Kindern. Vor seiner Berufung nach Zürich arbeitete Schlapbach zehn Jahre lang auf einer grossen Kinderintensivstation in Brisbane, Australien.
Wie viele Leben könnte man mit einer früheren Diagnose retten? In der Schweiz gibt es jedes Jahr etwa 20’000 Fälle von Sepsis, bei denen rund 3’500 Menschen sterben, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass man durch gezielte Massnahmen die Todesfälle um zehn Prozent oder mehr senken kann. Das bedeutet, dass auch bereits relativ geringe Verbesserungen in einem Land mit einem gut entwickelten Gesundheitswesen Hunderte von Leben retten können. 2023 wurde ein nationaler Aktionsplan ins Leben gerufen, der die Zahl der Sepsis-Fälle reduzieren soll. Wie weit ist man mit der Umsetzung?
Die Eidgenösische Qualitätskommission hat nun ein Nationales Sepsis-Programm finanziert, das über die nächsten vier Jahre zum einen einheitliche Standards entwickeln wird, wie man eine Sepsis frühzeitig erkennen und therapieren kann. Zum anderen soll die Bevölkerung besser sensibilisiert und das Gesundheitspersonal spezifischer zum Thema Sepsis geschult werden. Das Programm ist zur Zeit im Aufbau. Am CHUV in Lausanne wird es bereits umgesetzt, mit Erfolg. Ziel ist, dass andere Spitäler darauf aufbauen können, und die Standards an die eigenen Bedürfnisse anpassen.
«Die gute Neuigkeit ist, dass die Sepsisforschung bei Kindern in den letzten Jahren, auch in der Schweiz, deutliche Fortschritte gemacht hat.»
Wer das Glück hat, eine Sepsis zu überleben, hat oft Nachwirkungen, die das Leben dauerhaft beeinträchtigen können, ähnlich wie bei Long Covid. Was weiss man darüber? Vieles, das man über Long-Covid hört, wissen wir seit über zehn Jahren über die Sepsis. Gut ein Drittel der Sepsis-Überlebenden leiden an monatelangen oder gar jahrelangen Langzeitfolgen. Viele dieser Kinder zeigen nach einer Sepsis Beschwerden wie Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten; sie ermüden schneller und haben zum Teil auch in der Schule entsprechend Schwierigkeiten. Familien leiden teils an Symptomen eines Post-Traumatischen Stress Syndroms (PTSD). Gleichzeitig wird aber – anders als beispielsweise bei nach einem Hirnschlag oder schweren Verkehrsunfall – kaum spezifisch informiert darüber, dass solche Langzeitfolgen auftreten können, noch erhalten die Kinder gezielte Nachsorge oder Rehabilitation.
Es braucht auch hier ein Umdenken?
Ja, die Behandlung einer Sepsis endet nicht mit der Entlassung im Spital. Es wäre schön, wenn wir hier in den kommenden Jahren aufbauen können auf den Erfahrungen von anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Nachsorge von Extremfrühgeborenen Kindern, oder von Herzpatienten. Damit könnte vermutlich viel bewirkt werden.
Welche Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft in der Sepsisforschung ? Die gute Neuigkeit ist, dass die Sepsisforschung bei Kindern in den letzten Jahren, auch in der Schweiz, deutliche Fortschritte gemacht hat. Internationale Kollaborationen, zum Beispiel bei sehr grossen Projekten mit Daten von Millionen von Kindern, wurden möglich und haben zu genaueren, global anwendbaren Kriterien geführt. Noch mehr Forschung ist besonders notwendig zum einen im Bereich der Früherkennung, wo künstliche Intelligenz viel Potential birgt, wie auch in der personalisierten Behandlung der Sepsis. Wichtig ist ebenso, dass wir besser verstehen, wie die Erholung und Rehabilitation nach einer Sepsis bei Kindern am besten unterstützt werden kann.
Mithilfe von Künstlicher Intelligenz hat ein internationales Forschungsteam unter der Co-Leitung des Kispi Zürich neue Kriterien für die Diagnose von Blutvergiftungen (Sepsis) definiert.

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