Bagatellen im Notfall: Helsana korrigiert das beliebte Bild

Der Anteil der unnötigen Konsultationen in Spitalnotfällen sinkt stetig. Das wirft auch ein neues Licht auf die Strafgebühren-Debatte.

, 16. September 2024 um 08:45
image
Jährliche Anzahl Fälle in Notaufnahmestationen und Anteil (!) Bagatellfälle  |  Grafik: Helsana
Weniger Bagatellfälle in den Spitälern dank einer Zusatzgebühr: Diese Idee geistert seit Jahren durch die Gesundheitspolitik. Jetzt kommt sie auf die politische Zielgerade: Eine entsprechende parlamentarische Initiative, eingereicht 2017 von damaligen GLP-Nationalrat Thomas Weibel, soll Ende September im Nationalrat debattiert werden. Der Ständerat hat die Idee bereits gutgeheissen.
Nun kommt allerdings ein bemerkenswerter Widerspruch auf – von Helsana. Die grösste Krankenkasse im Land entnahm ihren Abrechnungen, dass die Bagatellfälle in den Spital-Notfallstationen in den letzten Jahren rückläufig waren.
Oder präziser: Der Anteil sank deutlich; absolut gesehen war die Zahl stabil bis minim rückläufig.
Freilich stiegen die Spital-Not-Fälle in jener Phase gesamthaft deutlich an – von gut einer Million vor zehn Jahren auf zuletzt gut 1,7 Millionen.
Die Helsana-Analysten rechneten die Bagatellfälle mit einer speziellen Methode heraus: Dazu nahmen sie jene Patienten, die einerseits in eine Notaufnahmestation kamen – die aber andererseits in den 30 Tagen davor und danach keinen weiteren Leistungsbezug anmeldeten (ausser einem Medikamentenkauf in einer Apotheke). Damit könne angenommen werden, «dass der Notfall-Besuch nicht zwingend gewesen ist», so die Überlegung.
Das Resultat: Der Anteil an Bagatellfällen sank von 10 Prozent im Jahr 2014 auf 7 Prozent im Jahr 2023.
Die unnötigen Notfall-Konsultationen schaffen bekanntlich mehrere ebenfalls unnötige Probleme: Erstens ein Kostenproblem, weil spitalambulante Konsultationen doppelt so teuer sind wie ein Praxisbesuch. Zweitens müssen Patienten in echten Notfallsituationen deshalb warten. Drittens wird das knappe spezialisierte Spitalpersonal falsch beansprucht.
Die Auswertung der Helsana nach Wochentagen ergab, dass Notfallstationen speziell oft am Wochenende aufgesucht werden; und dass dies bei Bagatellfällen noch ausgeprägter ist.
Der Helsana-Text äussert Zweifel, ob sich das Publikum von einer Zusatzgebühr effizient abhalten lässt – zumal alle Versicherten, die ihre Franchise und den Selbstbehalt noch nicht ausgeschöpft haben, sowieso die Rechnung selber bezahlen.
Und so plädiert Helsana dafür, lieber stärker auf Telehealth-Angebote zu setzen und sie bekannter zu machen. Denn: «Leider ist diese Nummer immer noch wenig bekannt und seit 2021 ist die Anzahl der Anrufe für diesen Service sogar rückläufig.»

«Schuss ins Blaue»

Auf der anderen Seite sei zu befürchten, dass eine Notfallgebühr statt der gewünschten Entlastung bloss mehr administrativen Aufwand verursacht: «Mit Gebühren auf Bagatellen zu schiessen, mag zwar verlockend sein, bleibt aber ein Schuss ins Blaue, der weder zum Ziel noch zu einer sinnvollen Lösung für alle führt.»
Dass die Kassen der Idee skeptisch gegenüberstehen, zeigt auch Curafutura: Der Krankenversicherer-Verband empfahl dem Parlament eine Ablehnung der Initiative: Sie würde diverse Umsetzungsprobleme nach sich ziehen. Und zugleich sei fraglich, ob eine Notfallgebühr die erwünsche Wirkung erzielen kann.
«Zur Vermeidung von Bagatellfällen in Spitalnotfallaufnahmen sind Massnahmen zu ergreifen, welche die Rolle von grundversorgungsnahen Leistungserbringern stärken», schreibt Curafutura: «Informationen an die Patientinnen und Patienten, eine integrierte Versorgung und alternative Versicherungsmodelle (Telemedizin, Hausarzt, HMO usw.) stehen dabei im Zentrum.»

Artikel teilen
  • Share
  • Tweet
  • Linkedin
  • Whatsapp
  • Telegram
Kommentar

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Was ist Ihr Beruf?

Wo arbeiten Sie?*

undefined
undefined

*Diese Angaben sind freiwillig. Sie bleiben im Übrigen anonym.
Warum bitten wir Sie darum? Medinside bietet Ihnen die Informationen und Beiträge kostenlos. Das bedeutet, dass wir auf Werbung angewiesen sind. Umgekehrt bedeutet es idealerweise auch, dass Ihnen auf Medinside möglichst nur Werbung gezeigt wird, die zu Ihnen passt und die Sie interessant finden könnten.
Wenn wir durch solche Erhebungen Angaben über das allgemeine Profil des Medinside-Publikums gewinnen, nützt dies allen: Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, uns und unseren Kunden. Vielen Dank!


Mehr zum Thema

image

Koordinierte Versorgung: Netzwerke sind vom Tisch

Der Ständerat beriet über das Massnahmenpaket zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Er plädierte nun ebenfalls für Mengenrabatte bei umsatzstarken Medikamenten.

image

Spital Zofingen: Bundesrat findet Verkauf unproblematisch

SP-Nationalrat Cédric Wermuth warnte vor einer schleichenden Privatisierung der Grundversorgung – der Bundesrat sieht in der Übernahme des Spitals Zofingen durch SMN kein Problem.

image

BAG muss elf Millionen Franken sparen und 20 Stellen streichen

Das Bundesamt kürzt bei der Kinderarzneimittel-Datenbank, bei der Prävention und beim Strahlenschutz.

image

Kanton Bern hat neuen Leiter des Gesundheitsamtes

Der Regierungsrat des Kantons Bern hat Philipp Banz zum Nachfolger von Fritz Nyffenegger an der Spitze des Gesundheitsamtes ernannt.

image

Mehr kompetente Patienten, weniger Behandlungen

Eine Erklärung von Vertretern des Gesundheitswesens fordern einen stärkeren Fokus auf Patienten – statt auf Profit und möglichst viele Behandlungen.

image

Demo gegen die Mängel in der Gesundheitsversorgung

Mehr Ausbildungsplätze, weniger Bürokratie: FMH, Pharmasuisse, ChiroSuisse, SSO und GST legten in Bern einen gemeinsamen Forderungskatalog vor.

Vom gleichen Autor

image

USZ: Mehr Vertrauen in die Spitalleitung

Die Fluktuationsrate des Personals im Universitätsspital Zürich erreichte letztes Jahr 13 Prozent. Im Kantonsspital Winterthur lag sie bei 11 Prozent.

image

Kantonsspital Winterthur kämpft sich zurück

Mehr Patienten, strikteres Kostenmanagement, verbesserte Abläufe: Das KSW konnte letztes Jahr den Verlust halbieren.

image

Zurück auf die Beine: Stimulation hilft Gelähmten beim Gehen

Ein neues Verfahren aus Lausanne verbindet Rückenmark-Stimulation mit Robotik – um bei Querschnittgelähmten die Muskelkoordination zu verbessern. Das System könnte weltweit in Reha-Kliniken eingesetzt werden.