Mehr Schub für schlauere Medizin

In Bern wurde jetzt eine Organisation gegründet, die der «Choosing Wisely»-Idee endlich zum Durchbruch verhelfen will: «Smarter Medicine». Interessant ist der Mix der Beteiligten.

, 12. Juni 2017 um 10:33
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Qualität, nicht Ökonomie: Gründungsmitglieder der neuen Organisation  |  PD
Es ist eine breite Palette an Organisationen, die sich nun gemeinsam für einen sinnvolleren Einsatz der Medizin einsetzen: Die Spanne reicht von einer Ärzteorganisation wie der Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin SGAIM über den Dachverband der Patientenstellen bis zur Stiftung Konsumentenschutz.
Sie alle bilden den Verein «Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland», der für eine verstärkte Reduce to the max-Haltung in der hiesigen Medizin sorgen soll. Dazu stellte der Trägerverein heute konkret zwei neue Empfehlungslisten vor.

5 für Geriatrie, 9 für Intensivmedizin

Die erste neue Empfehlungsliste besteht aus 5 Punkten und stammt von der Schweizerischen Gesellschaft für Geriatrie, und die zweite ist die Liste der Fachgesellschaft SGI für die Intensivmedizin: Sie reiht 9 Massnahmen auf, mit denen künftig zurückhaltend verfahren werden soll. Allerdings war dieses Empfehlungs-Ranking in den Grundzügen schon bekannt.
Zuvor schon hatte die SGAIM zwei «schwarze Listen» mit je fünf Punkten festgelegt: nämlich von Behandlungen, auf die man im Spitalbereich und im ambulanten Bereich verzichten sollte.

Höchste Zeit, dass etwas läuft

In den nächsten Monaten werden nun weitere medizinische Fachgesellschaften sogenannte Top-5-Listen mit unnützen Behandlungen publizieren, kündigte die neue Organisation an.
Hinter der Gründung von «Smart Medicine» steht offenbar ein gewisser Missmut: Die «Choosing Wisely»-Idee, die im englischen Sprachraum seit Jahren Erfolge vorweisen kann, setzte sich in der Schweiz bislang nicht recht durch – gerade die entscheidenden Fachgesellschaften blieben oft zögerlich. «Auch fehlte ihr die breite Verankerung bei anderen wichtigen Akteuren inner- und ausserhalb des Gesundheitsbereichs», erklärt der neue Verein in seiner Mitteilung zum Start. «Und es gab wenig Ansätze, über „Choosing Wisely“-Ideen interprofessionell zu diskutieren.»
Deshalb ergriffen SGAIM und SAMW die Initiative für die schlagkräftigere Trägerschaft. Präsidiert wird die neue Organisation von Jean-Michel Gasproz; der Internist an den Genfer Unikliniken HUG ist auch Ko-Präsident der SGAIM.

Konkret verfolgt der Trägerverein folgende Ziele:


  • Er will die Ausarbeitung weiterer Top-5-Listen durch medizinische Fachgesellschaften fördern;
  • er will die Verbindlichkeit der Empfehlungen erhöhen;
  • er will andere Gesundheitsberufe aktiv einbeziehen und interprofessionelle Ansätze in «Choosing Wisely» zur Diskussion bringen;
  • er will Patienten und Versicherte für das Anliegen sensibilisieren und für den Dialog mit den Behandelnden befähigen;
  • er will die Öffentliche Diskussion über Behandlungsqualität fördern;
  • er will die Behandlungsqualität als Teil der medizinischen Weiter- und Fortbildung etablieren.

Wichtig ist den Gründern, dass «Smarter medicine» nicht von der Gesundheitsökonomie vereinnahmt wird. Vielmehr gehe es darum, die Behandlungsqualität zu verbessern unterm Motto «Weniger Medizin kann mehr sein». «Die damit einhergehende Kostendämpfung ist zwar wünschenswert, aber nicht das primäre Ziel», so das Communiqué der neuen Organisation.

Die Mitglieder des Vereins «Smarter medicine — Choosing Wisely Switzerland»


  • SGAIM: Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin
  • SAMW: Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften
  • DVSP: Dachverband der Patientenstellen
  • SVBG: Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen
  • SKS: Stiftung für Konsumentenschutz
  • FRC: Fédération Romande des Consommateurs
  • Acsi: Associazione Consumatrici e Consumatori della Svizzera Italiana 

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