Kantonsspital Graubünden bekämpft Hausarztmangel

Das Kantonsspital Graubünden (KSGR) will die Ausbildung von Hausärzten ausbauen: Zwei bestehende Programme werden im Fachbereich «Hausarztmedizin» gebündelt.

, 11. Mai 2022 um 14:16
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Wie können junge Ärztinnen und Ärzte für die Hausarztmedizin gewonnen werden? | Bild: KSGR 
Rund 180 Hausärztinnen und Hausärzte sind im Kanton Graubünden tätig. Etwa rund ein Drittel davon wird in den nächsten zehn Jahren pensioniert.
Das Kantonsspital Graubünden (KSGR) will deshalb zusammen mit dem Ärztenetzwerk Grisomed und dem Bündner Ärzteverein die Ausbildung von Hausärztinnen und Hausärzten ausbauen. 

Bündelung der bestehenden Programme

Wie das KSGR mitteilt, sollen die bestehenden Projekte «Hausarztcurriculum» und «Capricorn» im neu geschaffenen Fachbereich «Hausarztmedizin» zusammengeführt sowie erweitert werden.
Bei dem Projekt «Capricorn» handelt es sich um eine sechsmonatige Praxisassistenz bei einem Lehrpraktiker mit Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin. Beim Projekt «Hausarztcurriculum» handelt es sich um eine mehrjährige strukturierte Weiterbildung zur Hausärztin/zum Hausarzt. Dass die beiden Projekte nun gebündelt werden, hat folgende Gründe: 

  • Hohe Absprungsrate
  • Zu wenig hausarztspezifische Inhalte
  • Zu wenig Abschlüsse

«Im Moment schliesst eine Absolventin/ein Absolvent pro Jahr die Ausbildung ‹Hausarztcurriculum› ab, neu werden es vier Absolventen pro Jahr sein», erläutert Thomas Fehr, Departementsleiter Innere Medizin und Ärztlicher Direktor des KSGR.

Mehr Fokus auf hausarztspezifische Inhalte

Ziel sei es, künftig noch näher bei der Hausarztmedizin zu sein, sagt Fehr auf Anfrage. Das Curriculum soll denn auch künftig auf die sogenannte Aufbauweiterbildung für Hausärztinnen und Hausärzte konzentriert werden.
Es gelte den Fokus zu schärfen: «Welche Inhalte sind für Hausärztinnen und Hausärzte relevant, die etwa für einen Spitalinternisten nicht unbedingt notwendig sind?» Fehr denkt hier etwa an Fachbereiche wie die Dermatologie oder die Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. «Wir möchten Ärztinnen und Ärzte abholen, die schon konkret wissen, dass sie Hausärztin oder Hausarzt werden wollen.»

«Dezentrale Grundversorgung im Kanton ist auch für uns wichtig»

Mit dem neuen Fachbereich «Hausarztmedizin» sei der enge und regelmässige Austausch mit den Hausärztinnen und Hausärzten im Kanton sichergestellt, so Fehr. Das KSGR will sich denn auch mit den entsprechenden Instituten der Universitäten in der Deutschschweiz sowie dem Zentrum für Hausarztmedizin im Kantonsspital St. Gallen vernetzen.
Fehr ergänzt: «Mit dem neuen Fachbereich zeigen wir, wie essentiell wichtig die dezentrale Grundversorgung im Kanton Graubünden auch für uns ist. Und wir können aktiv zur Nachwuchsentwicklung und -förderung der Hausärztinnen und Hausärzte beitragen.»

Neue Teilzeitstelle wird vom Kanton finanziert

Wie das KSGR in der Mitteilung schreibt, hat die Bündner Regierung bereits im vergangenen Herbst grünes Licht für die Schaffung des neuen Fachbereichs «Hausarztmedizin» am KSGR gegeben. Die Kosten werden zu 75 Prozent vom Kanton übernommen.
Der neue Fachbereich, der im Departement Innere Medizin angesiedelt ist, wird unter der Leitung von Patrick Scheiwiler stehen. Der Hausarzt aus St. Gallen wird seine Stelle mit einem 20-Prozent-Pensum Anfang Juni antreten. Fehr vom KSGR bezeichnet Scheiwiler als einen «aktiv tätigen, sehr erfahrenen und gut vernetzten Hausarzt».
Scheiwiler leitet seit zehn Jahren die Gemeinschaftspraxis «Arnegg», die sich im gleichnamigen Dorf in Gossau (SG) befindet. In der Praxis tätig ist er seit 26 Jahren. Als Lehrarzt der Universität Zürich betreut er in der Praxis Medizinstudenten von St. Gallen. Der 60-Jährige ist unter anderem Vizepräsident der Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen und Vorstandsmitglied der Spitex St. Gallen-Appenzell. 
Medinside befragte Scheiwiler zu seiner neuen Tätigkeit am KSGR: 
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Patrick Scheiwiler | Bild: zVg

Herr Scheiwiler, Sie übernehmen die Leitung des neu geschaffenen Fachbereichs «Hausarztmedizin» am KSGR – wie kam es dazu?

Ich bin in einem Ablöseprozess von meiner Hausarztpraxis und werde mein Pensum nach Möglichkeit zunehmend reduzieren. Da ich in den Jahren viele Erfahrungen in der Hausarztmedizin sammeln konnte und den Umgang mit jungen Assistentinnen und Assistenten spannend finde, möchte ich gerne mein Wissen der nächsten Generation weitergeben.

Welche Aufgaben erwarten Sie in Ihrer neuen Funktion?

Ich werde die bewilligten Stellen verwalten und verteilen sowie den Assistentinnen und Assistenten als Anlaufstelle in ihrer Karriereplanung zur Verfügung stehen. Dazu werde ich das Bindeglied zwischen den Hausärzten und den Spitälern im Kanton Graubünden sein.

Was versprechen Sie sich von der Bündelung der bestehenden Projekte «Hausarztcurriculum» und «Capricorn»?

Die Hausarztmedizin soll ein Gesicht bekommen, und interessierte Kandidatinnen und Kandidaten sollen weniger durch Spezialkliniken abgeworben werden. Das Ziel ist, den spannenden Beruf der Hausarztmedizin im Spital bekannter zu machen und Nachfolgerinnen und Nachfolger bei Pensionierungen zu finden.
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