So leicht lassen sich Ärzte beeinflussen

Wenn sich ein Arzt vom Pharmavertreter oder an einem Anlass zum Lunch einladen lässt, dürfte das bereits Folgen für das Verschreibungs-Verhalten haben.

, 23. Juni 2016 um 07:07
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Dies besagt jedenfalls eine Auswertung des Verschreibungsverhaltens von 279'000 amerikanischen Ärzten. Zusammengefasst: Mediziner, die sich in irgendeiner Form einladen liessen, verschrieben deutlich häufiger Marken-Medikamente als Generika. Und zwar sorgten bereits Einladungen, deren Wert weniger als 20 Franken ausmachte, für eine gewisse Schlagseite.
Konkret untersuchte ein Team von Medizinern und Gesundheitsökonomen der Universitäten von San Francisco und Honolulu, wie oft die Ärzte im Rahmen des amerikanischen Medicare-Programms vier bekannte Marken-Medikamente verschrieben. Zugleich legte man diese Daten mit insgesamt 63'500 Lunch- oder Dinner-Einladungen zusammen, welche die Pharmaindustrie im Erhebungszeitraum ausgewiesen hatte.

Colette DeJong, Thomas Aguilar, Chien-Wen Tseng et al.: «Pharmaceutical Industry–Sponsored Meals and Physician Prescribing Patterns for Medicare Beneficiaries», in: «JAMA Internal Medicine», Juni 2016.

Im Fall des Blutdrucksenkers Bystolic (Nebivolol) war das Verhältnis dann zum Beispiel so: Ärzte, die sich mindestens vier Mal von einem Pharmaunternehmen einladen liessen, zogen mit 5,4-facher Häufigkeit das Markenmedikament dem Generikum vor.
«Dies war das überraschendste für mich», sagte Colette Dejong, eine der Studienautorinnen, gegenüber der Wirtschaftsagentur «Bloomberg»: «Dass so kleine Zahlungen mit solch grossen Unterschieden in den Verschreibungen einher gingen. Zuvor nahm man an, dass doch eine gewisse Summe nötig ist, um Ärzte zu beeinflussen, und die vorherrschenden Richtlinien sind ja auch entsprechend.»

«…belegen keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang»

Denn grundsätzlich besagt die Statistik der Medicare-Daten: Bereits eine Einladung genügte – und die Ärzte verschrieben eher Markenware. Mit der Zahl der Einladungen respektive der damit verbundenen Summen stieg auch die Häufigkeit, dass ein Arzt die Generika links liegen liess.
Natürlich wagen die JAMA-Autoren nicht, den Ärzten direkt Bestechlichkeit zu unterstellen – sie formulieren die Sache in ihrer Conclusion vorsichtig: «Der Erhalt von industrie-gesponsorten Mahlzeiten war assoziiert mit einer höheren Verschreibungsrate von Marken-Arzneimitteln, die dabei beworben wurden. Die Ergebnisse belegen eine Beziehung, aber keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.»

«Falsches Narrativ»

Der amerikanische Pharmabranchen-Verband PhRMA kritisierte die Aussagen dennoch deutlich: Sie berücksichtige überhaupt nicht die individuellen Anforderungen der Patienten. «Diese Studie nahm eine Untergruppe von Medikamenten, um ein falsches Narrativ zu erzählen», so die Organisation in einem Statement gegenüber «Bloomberg».
Auf der anderen Seite ist die Grundaussage gar nicht so neu: Bereits im März gelangte eine US-Auswertung zu einem sehr ähnlichen Ergebnis. Danach verschrieben Ärzte, die auf irgendeine Weise von Medikamenten- oder Medtech-Herstellern ein Einkommen erhalten, häufiger teure Markenprodukte als (beispielsweise) Generika. Die Daten waren damals von der unabhängigen Informations-Plattform ProPublica zusammengetragen worden.

«There's no such thing as a free lunch»

Und zwar hiess es bereits dort, dass der verdächtige Konnex spürbar werde, wenn die Ärzte nur schon Einladungen zu einem Lunch annehmen. Insgesamt verschreiben die Empfänger von Industrie-Zuwendungen mit zwei- bis dreifacher Wahrscheinlichkeit ein brand-name product mit überdurchschnittlich hohem Preis, so ein Ergebnis.
Das Team von ProPublica unterlegte die (in den USA jeweils veröffentlichten) Zahlungen von Pharma- und Medtech-Herstellern an Ärzte mit den (im Rahmen des US-Medicare-Programms ebenfalls veröffentlichten) Angaben über die Verschreibungen einzelner Ärzte (zur Methodik)
Heraus kam, dass jene Doktoren, die mehr als 5'000 Dollar aus der Zusammenarbeit mit der Industrie schöpften, auch den höchsten Anteil an Verschreibungen von Markenprodukten hatten.

Bleibt die Huhn-oder-Ei-Frage

Konkretes Beispiel: Die Internisten, die keine Zuwendungen erhielten, empfahlen ihren Patienten zu 20 Prozent ein Marken-Medikament. Wer aber mehr als 5'000 Dollar erhielt, erreichte eine Quote von 30 Prozent.
Allerdings ging auch die ProPublica-Recherche dem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang kaum nach. Offen blieb auch dort eine wichtige Huhn-oder-Ei-Frage: Wie sehr spiegeln die erfassten Verhältnisse bereits ein Auswahl-Bias?
Womöglich zeigen sie ja lediglich auf, dass Mediziner, die grundsätzlich industrienah eingestellt sind, beides als positiver erachten: Eine engere Zusammenarbeit mit grossen Herstellern – aber auch die Qualität von deren Produkten.

Ab nächster Woche:

Schweizer Pharma-Firmen legen Zahlungen offen

In der Schweiz gibt es ab nächster Woche mehr Klarheit: Bis Ende Monat werden über 50 hier tätige Pharmaunternehmen ihre Zahlungen für Beratungs- und Dienstleistungen an die Leistungserbringer im Gesundheitswesen auf ihren Internetseiten offenlegen.
Jährlich werden künftig die Zahlungen ausgewiesen, welche diese Firmen an Fachpersonen und -organisation für deren Dienstleistungen entrichtet.
Dazu gehören auch Beiträge an Weiterbildungskosten im Zusammenhang mit Kongressen oder anderen Fachveranstaltungen, aber auch für Referate, ferner die Mitarbeit in Beratungsgremien oder Forschung und Entwicklung. 
Die beteiligten 50 Unternehmen bilden gemessen am Umsatz rund 80 Prozent des Schweizer Pharmamarkts ab. Für die Aufsicht darüber in der Schweiz das Kodex-Sekretariat bei Scienceindustries zuständig. 
Deutschland: Über eine halbe Milliarde
In Deutschland gaben die Pharmaunternehmen die entsprechenden Ergebnisse jetzt gerade bekannt. Danach zahlte die Branche letztes Jahr 575 Millionen Euro an Ärzte und Spitäler für Studien, Fortbildungen und Sponsoring. Dies meldete der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) in Berlin.
Die deutschen Zahlen stammen von 54 Unternehmen, die sich – analog zum Vorgehen in der Schweiz – zur Offenlegung verpflichtet haben.
Konkret zahlten die Unternehmen:

  • 366 Millionen Euro für klinische Studien und so genannte Anwendungsbeobachtungen;
  • 119 Millionen für Vortragshonorare und Fortbildungen;
  • 90 Millionen gingen an medizinische Organisationen und Einrichtungen für Sponsoring von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen.

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