Obsan-Studie: Tarpsy bremst Kosten

Die Pauschaltarife in der Psychiatrie zeigen Wirkung. Allerdings wuchs zugleich der Einsatz von freiheitsbeschränkenden Massnahmen und von Psychopharmaka.

, 16. September 2024 um 05:00
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Symbolbild: Malicki M Beser on Unsplash
Wie haben sich die Pauschaltarife in der Psychiatrie ausgewirkt? Wie auf die Kosten, wie auf die Qualität? Solchen Fragen gingen die Gesundheits-Forscher von Obsan mit einer neuen Studie nach.
Tarpsy wurde 2018 eingeführt und regelt die stationären psychiatrischen Leistungen mit Tagespauschalen. Die Erhebung im Auftrag des Bundesrates kam nun zum Schluss, dass Tarpsy ein Hauptziel erreicht hat: Das Kostenwachstum in der stationären Psychiatrie konnte gedämpft werden – und dies ohne spürbare Auswirkungen auf die Qualität und den Versorgungszugang.

Kürzere Aufenthalte

Das Obsan-Team stellte erstens fest, dass die Baserates seit der Einführung von Tarpsy tendenziell sanken. Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer war grundsätzlich rückläufig. (Der Tarpsy brachte mit sich, dass die definierten Tageskosten zeitlich degressiv sind – je länger die Aufenthaltsdauer, desto niedriger fallen die relativen Tageskosten aus).
Und so lagen die Krankenkassen-Kosten pro stationärem Patient 2021 leicht tiefer als zehn Jahre zuvor.
Allerdings nahm der durchschnittliche Schweregrad der Fälle und die Anzahl Hospitalisierungen in der beobachteten Zeit zu.

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Entwicklung der Ausgaben für stationäre psychiatrische Fälle: Insgesamt; pro Tag; Anzahl Tage
Bei der Versorgungsqualität und der Patientenbetreuung waren die Signale zwiespältig. Insgesamt deuten die Indikatoren «tendenziell darauf hin, dass sich die Qualität seit der Einführung von TARPSY weder verbessert noch verschlechtert hat», so die Mitteilung des BAG. Es sei zum Beispiel weder zu einem Abbau der personellen Ressourcen noch zu einer Verschlechterung der Patientenbetreuung gekommen.
Allerdings wurde auch ein vermehrter Einsatz von freiheitsbeschränkenden Massnahmen und Psychopharmaka festgestellt. Die Autoren wollen aber keinen Zusammenhang mit der Finanzierung festmachen: Es gebe Indizien, die auf eine leichte Verschlechterung der Versorgungsqualität hindeuten («Certains des indicateurs étudiés mettent au jour une évolution qui peut être interprétée comme une stagnation, voire comme une légère détérioration de la qualité des soins.»). Freilich seien die Ursachen offen. Äussere Faktoren – wie die Covid-Zeit – könnten da ebenfalls eine Rolle gespielt haben.
Im Hintergrund steht auch der allgemeine Anstieg der stationären Fälle – ein bekanntes Phänomen. Dieser Zuwachs lasse sich sich insbesondere «mit der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen, der Alterung der Bevölkerung und dem allgemeinen Krisenkontext (Covid-19, geopolitische Spannungen, Klimaveränderung) erklären».
Klar sei daher auch, dass die Lage der Psychiatrie in mehreren Regionen stark angespannt ist. «Der Mangel an Plätzen zur Deckung des steigenden Bedarfs setzt den stationären Sektor unter Druck. Die Einführung von Tarpsy spielt bei dieser Entwicklung jedoch keine Rolle. Die neue Tarifstruktur hat hingegen eine verbesserte Transparenz der erbrachten Leistungen ermöglicht.»
  • Psychiatrie: Kinder in der Tarmed-Falle. Ein Umbau in der Finanzierung gefährdet die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Tageskliniken erheblich. Ein Kommentar von Jörg Leeners und Jan-Christoph Schaefer.

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