Es bleibt dabei: Der weisse Kittel macht den Arzt

Die Patienten ziehen Ärzte vor, die auch angezogen sind wie die Ärzte im Bilderbuch. Eine neue Erhebung bestätigt es wieder mal.

, 9. Juni 2016 um 06:38
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Symbolisch wichtig: «White Coat Ceremony» für die Absolventen der University of Kentucky Medical School (Flickr CC) 
Wem vertrauen die Patienten? Und gibt es da Unterschiede, ob sie sich einer dermatologischen, einer chirurgischen oder einer Wundbehandlung unterziehen müssen? Dieser Frage ging nun ein Team von Dermatologen und Public-Health-Spezialisten der Universität in Miami nach. 
Die Wissenschaftler legten einer Auswahl von Patienten Bilder vor, welche dieselbe Ärztin oder denselben Arzt zeigten, aber in diversen Kleidern: Freizeitkleidung, weisser Kittel, Operationskleidung, Business Look. 
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Bei wem würden Sie einen fachlichen Rat holen? Auswahlmöglichkeiten in der Studie.
Dann gab man den Probanden 19 Patientenfragen zur Auswahl – verbunden mit der Aufforderung zu entscheiden, von welchem Arzt sie jeweils Antworten und Erklärungen dazu haben wollten.
Die Reaktionen waren sonnenklar: 73 Prozent hätten sich an den Mann oder die Frau in weiss gewandt. 19 Prozent zogen die Person in OP-grün vor. So dass weniger als ein Zehntel der Stimmen für den Geschäftsanzug (6 Prozent) und die Freizeitkleidung (2 Prozent) übrig blieben.
Man mag streiten, wie repräsentativ die Probandengruppe von lediglich 255 Personen ist – oder wie sehr sich die US-Verhältnisse auf die Schweiz übertragen lassen. Allerdings sind die Resultate doch so deutlich, dass wir auch bei uns Zusammenhänge zwischen dem klassischen Mediziner-Look und der Glaubwürdigkeit vermuten dürfen. Auffällig auch, dass die verschiedenen Settings – dermatologische Konsultation, Wundbehandlung, chirurgischer Eingriff – keine signifikanten Auswirkungen zeigten auf die Vorlieben: Weiss war immer klar vor OP-grün.

Joshua D. Fox, Giselle Prado, Katherine L. Baquerizo Nole et al.: «Patient Preference in Dermatologist Attire in the Medical, Surgical, and Wound Care Settings», in: «JAMA Dermatology», Juni 2016.

«Es ist möglich, dass für die Patienten die Wahrnehmung der Kenntnisse und Fähigkeiten ihres Arztes davon geprägt wird, wie der Arzt erscheint, und dass diese Wahrnehmung auch die Resultate beeinflusst»: Dieser Aussage in der Conclusion von Fox et. al. lässt sich jedenfalls schwer widersprechen.

In Europa war es auch schon so

Zumal letztes Jahr schon eine Auswertung diverser Umfragen in mehreren Ländern ans Licht brachte, dass ein erheblicher Teil der Patienten es vorzieht, wenn Herr oder Frau Doktor formell korrekt angezogen ist; in Europa (und unter älteren Patienten) war dies besonders ausgeprägt. In 18 der 21 ausgewerteten Erhebungen äusserten die Patienten eine Vorliebe für Ärzte in Weiss.

Christopher Michael Petrilli, Megan Mack, Jennifer Janowitz Petrilli et al.: «Understanding the role of physician attire on patient perceptions: a systematic review of the literature», in: «BMJ Open», Januar 2015.

Allerdings: Es kam, wie immer, auch drauf an. Ging es um eine Behandlung im Spital, so wurde der OP-Kittel eher als Zeichen der Professionalität gewertet; ging es um ein Treffen in einem Büro und um ambulante Behandlungen, so beurteilten die befragten Patienten den weissen Mantel eher negativ.
Die Idee des weissen Mantels, aufgekommen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, spiegelte übrigens nicht primär Hygienevorstellungen – sondern es ging eher darum, dass sich die damaligen Ärzte stärker in der Tradition von Naturwissenschaftlern stellen wollten. Von jenen Leuten also, die im weissen Mantel in den damals noch sehr neuartigen Labors arbeiteten. Der schwarze Anzug gehörte aber noch lange zum offiziellen Look des Arztes.
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