Unser Gesundheitssystem ist mässig – wegen der Bürokratie

In der vielbeachteten Vergleichsstudie des Commonwealth Fund landet die Schweiz im Schlussdrittel. Zwar stimmt die medizinische Qualität. Aber Ineffizienz herrscht.

, 25. September 2024 um 10:51
letzte Aktualisierung: 20. November 2024 um 08:54
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«Lower performing»: Rangierung von zehn Staaten in der Untersuchung des Commonwealth Fund.
So super ist das Schweizer Gesundheitswesen nun auch wieder nicht: Dies wäre in etwa eine Kernaussage einer Studie, welche der Commonwealth Fund in New York jüngst publiziert hat.
Die Stiftung erarbeitet alle drei Jahre eine aufwändige und vielbeachtete Untersuchung, in der sie die Gesundheitssysteme ausgewählter reicher Staaten miteinander vergleicht. Diesmal kamen zehn Länder auf den Prüfstand. Am Ende schafften es Australien, die Niederlande und Grossbritannien auf die Medaillenränge: Sie erreichten die beste Gesamt-Performance.
Abgeschlagen am Schluss: die USA.
Und die Schweiz? Sie glänzte auch nicht unbedingt: Rang acht von von zehn erfassten Nationen.

70 Indikatoren

Insgesamt legten die Analysten des Think Tank 70 Indikatoren an die Gesundheitssysteme an – verteilt auf fünf Felder: Betreuungsprozesse, Zugänglichkeit, administrative Effizienz, Gerechtigkeit und medizinische Resultate.
Auf den ersten Blick mag der dritte Rang für Grossbritannien erstaunen: Das staatliche britische NHS-System gilt ja oft eher als Drohkulisse denn als Vorbild. In der Erhebung aus Amerika konnten die Briten aber bei den Gleichheits-Aspekten punkten; zum Beispiel bietet das System viel Prävention (ein Kriterium im Kapitel «Betreuungsprozesse»). Und die Effizienz wurde als spitzenmässig beurteilt.
Andererseits schnitt Grossbritannien bei den medizinischen Resultaten und bei der Betreuungsqualität eher schlecht ab – also auf zwei ziemlich entscheidenden Feldern.
Die siegreichen Australier wiederum punkteten unter anderem mit hoher Effizienz (Performance und Qualität im Verhältnis zu den Augaben), aber zugleich mit überdurchschnittlichen medizinischen Resultaten (was zum Beispiel mit der Lebensdauer gemessen wurde).
Die Niederlande waren stark bei der Zugänglichkeit zur Gesundheitsversorgung, bei den Betreuungsprozessen und bei der Gerechtigkeit.

«Coverage restrictions» als «major problem»

Für die Schweiz befragten die Tester aus New York unter anderem rund 2’200 Erwachsene. Dabei wurde etwa untersucht, wieviel Zeit sich die Ärzte nehmen – oder andererseits, wie sehr sich die Ärzte über Bürokratie beklagen.
Oder es wurde gemessen, wieviel Zeit Grundversorger verbringen müssen mit «administrative issues related to insurance or claims or time spent getting patients needed medications or treatment because of coverage restrictions is a major problem».
Es waren solche Aspekte, welche die Schweiz nach unten zogen: Im Feld der «Administrative Efficiency» endete sie als Schlusslicht. Als mögliche Ursache dafür vermuten die Autoren des Commonwealth Fund auch die kantonale Zersplitterung.
Ebenfalls enttäuschend erscheint der Zugang zur Gesundheitsversorgung – Platz 8. Den Kern des Problems bilden hier die hohen Kosten für die Patienten.
Derweil konnte sich die Rangierung bei der medizinischen Qualität – «Health Outcomes», Rang 2 – sowie bei der Gleichheit (Rang 4) sehen lassen.

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