Digitalisierung: Jetzt können wir die PS auf den Boden bringen

Wenn es um Digitalisierung geht, wird zuviel über Fax und EPD diskutiert – und zu wenig über Prozesse. Höchste Zeit, das zu ändern.

Gastbeitrag von Andri Silberschmidt, 2. Februar 2024 um 23:29
image
Andri Silberschmidt  |  Bild: zvg
Die meisten Akteure im Gesundheitswesen arbeiten nicht mehr mit Fax und Schreibmaschine, sondern mit Computern und digitalen Tools. Trotzdem häufen sich die Klagen über die zunehmende Bürokratie. Woran liegt das?
Unter anderem daran, dass die Digitalisierung an sich noch kein Heilsbringer ist. Bloss weil ein Formular digital statt analog ausgefüllt wird, ist die Effizienz noch nicht gesteigert. Hier liegt das Problem: In der Vergangenheit wurde viel über Fax und Patientendossiers diskutiert – und zu wenig über Prozesse und Automatisierung.
Statt wie beim elektronischen Patientendossier die analoge Arbeit ins digitale Zeitalter zu «kopieren», sollten wir zuerst über Prozesse und Automatisierung sprechen: Wie schaffen wir es, dass die Leistungserbringer wieder mehr Zeit am Patienten und weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringen können?
Wir brauchen intelligente Schnittstellen zwischen den verschiedenen Systemen (insbesondere Klinikinformationssystem, Patienteninformationssystem und EPD-System). Es muss gelingen, dass die Systeme nach dem Once-Only-Prinzip Daten speichern und dann strukturierte Informationen untereinander austauschen können – und nicht PDF-Berichte.
«Man sollte zunächst fünf typische Arbeitsabläufe von Beschäftigten im Gesundheitswesen aufnehmen und analysieren.»
Was ich bei den Digitalisierungs-Bemühungen vermisse, ist, dass wir keine vertiefte Prozessdiskussion führen. Neudeutsch heisst das «User Centered Design». Man sollte zunächst fünf typische Arbeitsabläufe von Beschäftigten im Gesundheitswesen aufnehmen und analysieren. Auf dieser Basis kann ein effizienter Prozess gestaltet werden, der dann durch Digitalisierung und insbesondere Automatisierung umgesetzt wird.
Ich hoffe, dass das Projekt Digisanté diesen Ball aufnimmt. Der Bundesrat beantragt dem Parlament einen Verpflichtungskredit von 392 Millionen Franken (bei Totalkosten von 624 Millionen Franken) für die Modernisierung des Gesundheitswesens. Digisanté enthält einen bunten Strauss an Massnahmen, die auf der Website des Bundes nachgelesen werden können.
«Die Macherinnen und Macher im Gesundheitswesen müssen sich zusammentun und gemeinsam die Automatisierung vorantreiben.»
Bei aller Kritik an den Versäumnissen der Vergangenheit ist festzuhalten, dass das Programm an den richtigen Stellen ansetzt. Das reicht von der Definition von Standards über den Aufbau einer nationalen Infrastruktur bis hin zur besseren Nutzung von Daten für die Forschung. Die Botschaft des Bundesrates listet die Massnahmen umfassend auf.
Die Herausforderung wird sein, nach der Bewilligung des Kredits genügend PS auf den Boden zu bringen. Die Macherinnen und Macher im Schweizer Gesundheitswesen müssen sich zusammentun und gemeinsam die Automatisierung vorantreiben. Dabei ist es wichtig, von Anfang an die Verantwortlichkeiten zu klären: Wo koordiniert der Bund, wo entscheidet er und wie bindet er die Leistungserbringer effizient und effektiv ein?
Hilfreich wäre es, verschiedene «Use Cases» mit klar messbaren Zielen zu definieren und diese Schritt für Schritt umzusetzen. Sobald der Nutzen für Leistungserbringer und Patienten sichtbar wird, gibt es Rückenwind für weitere Projekte.

Artikel teilen
  • Share
  • Tweet
  • Linkedin
  • Whatsapp
  • Telegram
Kommentar

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Was ist Ihr Beruf?

Wo arbeiten Sie?*

undefined
undefined

*Diese Angaben sind freiwillig. Sie bleiben im Übrigen anonym.
Warum bitten wir Sie darum? Medinside bietet Ihnen die Informationen und Beiträge kostenlos. Das bedeutet, dass wir auf Werbung angewiesen sind. Umgekehrt bedeutet es idealerweise auch, dass Ihnen auf Medinside möglichst nur Werbung gezeigt wird, die zu Ihnen passt und die Sie interessant finden könnten.
Wenn wir durch solche Erhebungen Angaben über das allgemeine Profil des Medinside-Publikums gewinnen, nützt dies allen: Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, uns und unseren Kunden. Vielen Dank!


Mehr zum Thema

image

Neuer Leistungsauftrag für die Oberwaid

Die Klinik Oberwaid ist neu auch mit muskuloskelettaler Rehabilitation auf der Spitalliste der Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. So kann die Oberwaid auch in diesem Fachgebiet grundversicherte Patienten behandeln und leistet einen wichtigen Beitrag in der Region.

image

Zurück in die Vergangenheit: Spitäler wollen Geld vom Kanton

An sich sollten die Kantone ihre Spitäler nicht mehr finanzieren. Doch immer häufiger zahlen die Regierungen trotzdem – und verzerren möglicherweise den Wettbewerb.

image

Luzerner Kantonsspital braucht wohl bald Geld

Die Höhenklinik des Spitals machte 180'000 Franken Verlust - pro Monat. Die Kantonsregierung rechnet damit, dass das Kantonsspital Hilfe braucht.

image

Spital Samedan gehört bald zum Kantonsspital Graubünden

Dadurch werden wohl einzelne Stellen neu ausgerichtet oder aufgehoben. Andererseits dürften in den medizinischen Bereichen rund 20 zusätzliche Stellen entstehen.

image

100 Millionen Franken? Danke, nicht nötig.

Der Kanton Graubünden plante einen Rettungsschirm für notleidende Spitäler und Gesundheits-Institutionen. Die Idee kam schlecht an.

image

LUKS Gruppe baut Verwaltungsrat um

Elsi Meier, Giatgen A. Spinas und Pauline de Vos verlassen das Gremium. Die Nachfolge-Suche hat bereits begonnen.

Vom gleichen Autor

image
Gastbeitrag von Andri Silberschmidt

Koordinierte Netzwerke stärken statt verstaatlichen

Es braucht keinen neuen Leistungserbringer «koordinierte Versorgung». Zuerst sollten wir die bereits beschlossenen Kostendämpfungs-Massnahmen wirken lassen.

image
Gastbeitrag von Andri Silberschmidt

Pharma: Es braucht einen Ruck – und mehrere Kompromisse

Derzeit berät das Parlament über eine Reihe von Fragen, die für unsere Medikamentenversorgung entscheidend werden.

image
Gastbeitrag von Andri Silberschmidt

Gesundheitsinitiativen: Viele Risiken und Nebenwirkungen

Sie klingen verlockend. Aber die Prämien- und die Kostenbremse-Initiative fordern teure und gefährliche Experimente.