Keine Entwarnung beim Lungenkrebs

Die Zahl der Raucher sinkt seit Jahrzehnten. Warum sinkt die Quote der Lungenkrebs-Fälle nicht annähernd so klar? Und warum steigt sie bei den Frauen sogar?

, 10. Mai 2024 um 01:22
letzte Aktualisierung: 29. August 2024 um 06:00
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Sie holen leider auf: Frau mit Zigarette  |  Bild: Stas Svechnikov on Unsplash
Bekanntlich geht der Prozentsatz der rauchenden Bevölkerung in Europa stetig zurück. In Schweden bekunden heute nur noch 5 Prozent der Erwachsenen, dass sie täglich rauchen. In den 1960ern erreichte dieser Anteil bei den Männer noch fast 50 Prozent, während etwa jede zehnte Frau damals täglich zum Glimmstengel griff.
Auf der anderen Seite gibt es Studien, die einen klaren Zusammenhang sehen: Wer aufhört zu rauchen, hat nach einer bestimmten Zeit ein massiv tieferes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken.
Ein Team der Universität Umeå in Schweden ging nun der Frage nach, wie Raucher-Verhalten und Lungenkrebs in den letzten Jahrzehnten korrelierten – konkret: von 1970 bis 2021. Und erstaunlicherweise war Lungenkrebs bei Männern im Alter von 75 bis 79 im Jahr 2021 genauso häufig wie 1970. Auf den ersten Blick gab es also keine Fortschritte.
Bemerkenswert war allerdings ein medizinisches Detail: Klar rückläufig war die Häufigkeit des Plattenepithelkarzinoms – jener Lungenkrebs-Form also, die bekanntlich am engsten mit dem Rauchen verbunden ist. Doch auf der anderen Seite waren die Fälle von Adenokarzinom ebenso deutlich gestiegen.
Bei den Frauen wiederum stieg das Risiko, an einem Plattenepithelkarzinom zu erkranken, ebenso deutlich, wie es bei den Männern derselben Altersgruppe (75 bis 79) sank. Beim Adenokarzinom wiederum war das Risiko für Frauen und Männer ähnlich, obwohl es in den 1970ern (als diese Menschen wohl am eifrigsten zur Zigarette griffen) grosse Unterschiede in den Rauchgewohnheiten zwischen Frauen und Männern gegeben hatte.
Kurz: Es gibt keine sehr enge Beziehung zwischen (sinkender) Raucher-Quote und (nicht so sinkenden) Lungenkrebs-Fällen.
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Langfristige Entwicklung des Zigarettenkonsums und der Lungenkrebs-Fälle in Schweden  |  Grafiken: aus der Studie
Die Autoren haben keine definitive Erklärung für den Graben – aber einige Vermutungen. Zum Beispiel: mehr Scham. Gut möglich, dass heute mehr Menschen bekunden, dass sie nicht mehr rauchen, obwohl sie es weiter tun.
Oder: Die bisherigen Annahmen, wie schnell das Lungenkrebs-Risiko sinkt, wenn man mit dem Rauchen aufhört, sind womöglich zu optimistisch.
Und: Zu beachten seien wohl auch andere Umwelt- oder Lebensstilfaktoren.
Dass der Trend bei den Frauen so negativ ist, spiegelt schliesslich wohl, dass diese in Schweden – wie überall in Europa – später in der Geschichte mit dem Rauchen begonnen haben als Männer.
«Die Ergebnisse sollten auf keinen Fall so interpretiert werden, dass es sinnlos ist, mit dem Rauchen aufzuhören», betont denn auch Bengt Järvholm, Professor für Public Health an der Universität Umeå: «Im Gegenteil. Die Studie betont, wie wichtig es ist, früh aufzuhören und möglichst nie damit anzufangen, da das Risiko für Lungenkrebs möglicherweise länger erhöht ist, als wir bisher angenommen haben.»
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