«Wenn die Gstaad Clinic kommt, wird die Welt nach Gstaad kommen». Unter dieser Geschäftsphilosophie soll im Herbst im bekannten Luxus-Ferienort Gstaad eine neue Klinik ihren Betrieb aufnehmen. Doch viele Informationen über das private Projekt sind noch gar nicht öffentlich bekannt.
Bislang sind im Lokalblatt «Anzeiger von Saanen» zwei, drei Publireportagen erschienen: Von einer «Klinik für Gesundheit und Wellness von Weltrang» oder von Innovation ist dort etwa zu lesen. Es sei geplant, die besten Ärzte, Forscher und diagnostischen Geräte in den Bereichen der Medizin zusammenzubringen. Das Ziel sei es, die Klinik mit Hightech-Geräten der neuesten medizinischen Bildgebungs-Technologie auszustatten.
Angebot an Bevölkerung und an vermögende «Jetsetter»
Hinter dem geplanten Klinikprojekt steht Steven Low. Viel ist über ihn nicht bekannt. Der Mäzen sei seit über 50 Jahren in Gstaad ansässig und will mit der Klinik «ein Vermächtnis für die Region schaffen.» Seine Hauptmotivation: sein eigener Alterungsprozess. Er ist 90 Jahre alt, leide an Parkinson und sei von den Entwicklungen in den medizinischen und neurologischen Wissenschaften fasziniert, steht in den Anzeigen.
Bekannt ist auch, dass es eine ambulante «Walk-in Klinik» für die Bevölkerung geben soll. Denn das fehle in Gstaad. Gegenwärtig müssten Patienten nach Bern, Bulle oder Thun fahren, wo sich die nächstgelegenen medizinischen Diagnoseeinrichtungen befinde. Die «Gstaad Clinic» soll sich aber auch an Touristen und an sogenannte «High-Net-Worth-Individuals» (HNWI) richten. Das sind reiche Leute, die als «Jetsetter» in die Luxus-Ferienregion reisen.
Angebliches Gründungsmitglied von Hirslanden an Bord
An der Seite von Steven Low steht Olivier Girardin. Girardin ist ein ehemaliger Direktor der Clinique La Prairie und laut eigenen Angaben «Gründungsmitglied der Hirslanden-Gruppe». Heute ist er – wie so viele – als Berater unterwegs. In einer Präsentation begründet er die Klinik unter anderem mit dem Mangel an Hausärzten. Er verspricht zudem neue Arbeitsplätze und eine Ganzjahresbeschäftigung in Gstaad. Dabei nutzt er auffällig oft Schlagworte wie «Smarter Medicine», «Künstliche Intelligenz» oder «Präzisionsmedizin».
Seit Wochen versucht Medinside Olivier Girardin, Steven Low oder sein Sohn Michael über mehrere Kanäle zu erreichen. Das Ziel: mehr über die Ausrichtung der privaten Klinik und über das geplante Angebot in Gstaad zu erfahren. Vergebens. Mehrere Anfragen bleiben unbeantwortet. Die Tourismusdirektion Gstaad Saanenland ist über das Projekt informiert, wie sie auf Anfrage mitteilt. Man sei aber nicht näher involviert und verweist rasch auf Low.
Was sich ein zukünftiger Patient wünscht
Zu erfahren war auch, dass im Februar das erste «Steering Committee der Gstaad Clinic» stattgefunden hat. Die Teilnehmer sollen «renommierte europäische Ärzte» gewesen sein, die virtuell die Mission und Vision der Klinik diskutiert haben. Die Veranstalter nennen Namen wie Sebastian Winklhofer vom Universitätsspital Zürich (USZ), Yéhézkel Ben-Ari aus Marseille oder Justin Cobb aus London. In diesem Rahmen soll der Mäzen Low auch Gelder für eine Studie im Zusammenhang mit Autismus bei Kindern und Forschungen über nicht-invasive Neurologie zugesichert haben.
Ein zukünftiger Patient aus Gstaad findet in einem Leserbrief die Ankündigung der neuen Klinik «eine gute Nachricht». So müsse er nicht mehr so weit fahren, schreibt er. Er wünscht den Verantwortlichen gutes Gelingen. Vor allem aber hofft er, dass es auch einen Notfalldienst gibt. Medinside hätte gerne mehr über das Projekt erfahren. Es bleibt nun aber abzuwarten, ob die «Gstaad Clinic» dereinst tatsächlich medizinische Versorgung auf Weltniveau anbieten wird oder die Ankündigungen sich hauptsächlich in Richtung Luxus und Wellness entwickeln werden.