Was kostet der Leistungsausbau? Keine Ahnung

Was sind die finanziellen Folgen des Leistungsausbaus in der Grundversicherung? Der Bundesrat will das nicht wissen.

, 4. Juni 2024 um 14:56
image
SVP-Nationalrätin Vroni Thalmann-Bieri zeigt kein Verständnis für die ablehnende Haltung des Bundesrats. | Screenshot Parlament.
Man hört es allenthalben: Die Krankenkassenprämien steigen auch deshalb, weil immer mehr Leistungen über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abgegolten werden. Aber stimmt das überhaupt? Wie beziffern sich diese zusätzlich vergüteten Leistungen?
So verlangt also der Nationalrat vom Bundesrat, in einem Bericht die finanziellen Folgen des stetigen Ausbaus des Leistungskatalogs in der Grundversicherung seit Einführung des Krankenversicherungsgesetzes KVG aufzuzeigen.
Zudem soll der Bundesrat überprüfen, welche Leistungen des KVG an die Zusatzversicherungen ausgelagert werden können, ohne die Grundversorgung der Bevölkerung zu gefährden.

128 Ja zu 60 Nein

Das entsprechende Postulat der ehemaligen SVP-Nationalrätin Verena Herzog hat der Nationalrat in der zurückliegenden Woche mit 128 zu 60 Stimmen angenommen. Doch interessant sind in diesem Zusammenhang die Gründe, weshalb der Bundesrat das Postulat zur Ablehnung empfohlen hatte.
Zuerst einmal redet er in seiner Stellungnahme vom Februar 2023 am Thema vorbei und erklärt, dass die OKP die Kosten für medizinische Leistungen übernimmt, die wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind, der sogenannten WZW-Kriterien, wobei der grösste Teil der Gesundheitskosten die ärztlichen Leistungen darstellten.

Vertrauen zuerst

«Für diese existiert kein abschliessender Leistungskatalog, sondern es gilt das Vertrauensprinzip, wonach vermutet wird, dass Ärztinnen und Ärzte Leistungen erbringen, die den WZW-Kriterien entsprechen», schreibt der Bundesrat in seiner Stellungnahme.
Dann zählt er auf, was alles unternommen wird, um die Einhaltung der WZW-Kriterien zu überprüfen, so zum Beispiel das Health Technology Assessment (HTA).
Ausserdem schreibt der Bundesrat, dass die medizinisch-technologische Entwicklung dazu führe, dass laufend neue Leistungen entwickelt und eingeführt sowie bisherige Leistungen abgelöst oder nur noch bei sehr eingeschränkten Indikationen angewendet würden. Und schliesslich erläutert er die wesentlichen Gründe für die Kostenzunahme und erklärt, was alles zur Dämpfung des Kostenwachstums unternommen werde.

Keine Antwort aufs Kernanliegen

Doch auf das Kernanliegen des Postulats geht der Bundesrat in seiner Stellungnahme nicht ein. Das tut auch Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider in der Ratsdebatte nicht.
Deshalb nochmals: Was sind die finanziellen Folgen des Leistungsausbaus in der Grundversicherung? Und stimmt das mit dem Leistungsausbau überhaupt, oder sind das nur politisch motivierte Behauptungen der entsprechenden Interessenvertreter?

Kein Verständnis

SVP-Nationalrat Vroni Thmalmann-Bieri zeigt deshalb in der Debatte keinerlei Verständnis für die ablehnende Haltung des Bundesrats: «Endlich könnte er aufzeigen, was die Ursachen und Folgen sind, aber er weigert sich.» In seiner Antwort werde keine einzige Zahl genannt, moniert die Sozialvorsteherin der Luzerner Gemeinde Flühli. «Hat der Bundesrat Angst, dass Fakten hervorkommen könnten, die eine grosse Veränderung verursachen könnten?»
Kein Verständnis für die ablehnende Haltung des Bundesrats hat - wie gesagt - auch die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat. Sie stimmt dem Postulat zu.
Artikel teilen
  • Share
  • Tweet
  • Linkedin
  • Whatsapp
  • Telegram
Kommentar

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Was ist Ihr Beruf?

Wo arbeiten Sie?*

undefined
undefined

*Diese Angaben sind freiwillig. Sie bleiben im Übrigen anonym.
Warum bitten wir Sie darum? Medinside bietet Ihnen die Informationen und Beiträge kostenlos. Das bedeutet, dass wir auf Werbung angewiesen sind. Umgekehrt bedeutet es idealerweise auch, dass Ihnen auf Medinside möglichst nur Werbung gezeigt wird, die zu Ihnen passt und die Sie interessant finden könnten.
Wenn wir durch solche Erhebungen Angaben über das allgemeine Profil des Medinside-Publikums gewinnen, nützt dies allen: Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, uns und unseren Kunden. Vielen Dank!


Mehr zum Thema

image

Heimarzt-Besuche: Krankenkassen kritisieren Weg- und Wechsel-Entschädigungen

Das SRF-Konsumentenmagazin «Kassensturz» prangert hohe Wegentschädigungen von Heimarztbesuchen an. Die betroffene Firma Emeda verteidigt ihr Abrechnungsmodell, hat aber Anpassungen vorgenommen.

image

Nachfolge gesucht: MPA-Team schreibt Arztstelle aus

In Münsingen läuft es für einmal umgekehrt: Medizinische Praxisassistentinnen suchen Ärzte – um gemeinsam eine Praxis weiterzuführen.

image

Medbase expandiert in der Westschweiz

In Bulle plant die Praxis-Gruppe ein neues medizinisches Zentrum.

image

Pallas Kliniken streichen 20 Stellen

Das Familienunternehmen will sich am Hauptsitz in Olten auf weniger Fachbereiche fokussieren.

image

Notfallpauschalen: FMH und Prio.Swiss haben eine Lösung

Einerseits sollen angestellte Ärztinnen und Ärzte die Zuschläge ebenfalls erhalten. Andererseits fahnden die Krankenkassen nach Fällen, wo aus den Inkonvenienzpauschalen ein Business gemacht wird.

image

Swiss Medical Network weiter auf Einkaufstour

Letzte Woche das Spital Zofingen, diese Woche drei neue Hausarztpraxen: Swiss Medical Network wächst weiter.

Vom gleichen Autor

image

Nationaler Krebsplan kommt erst in einem Jahr

Noch immer hat die Schweiz kein flächendeckendes Screening-Programm für die häufigsten Krebsarten.

image

Auch der Nationalrat will den Vertragszwang lockern

Die Gesundheitsministerin warnt, doch das Parlament setzt ein klares Zeichen: Die Zulassungspraxis soll sich ändern.

image

Fachärztemangel: Wallis will Hürden für ausländische Mediziner senken

Während Städte eine hohe Ärztedichte haben, fehlen Fachkräfte in ländlichen Regionen. Eine Standesinitiative soll das ändern. Die Erfolgschancen sind gering.